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Multi-, Inter- und Transdisziplinarität

als Modus der Ermittlung von Wissen und Nichtwissen

Zu beobachten ist, dass viele praktische Erkenntnisse, die heute von gesellschaftlichem Nutzen sind, aus interdisziplinärer Zusammenarbeit stammen. Zugleich verspricht man sich aber nicht nur für die Praxis neue Erkenntnisgewinne, vielmehr besteht die Hoffnung mit der interdisziplinären Bearbeitung von Fragestellungen genuin wissenschaftliche Erkenntnisfortschritte erzielen zu können. Von besonderer Bedeutung für die wissenschaftsimmanente Funktion interdisziplinärer Forschung ist, dass durch interdisziplinäre Zusammenarbeit Bereiche des Nichtwissens, die „blinden Flecken“ jeder Disziplin, aufgrund der Irritation des eigenen Fachs durch die Einnahme des Blickwinkels einer anderen Disziplin respektive der Verwendung einer „fremddisziplinären“ Methode leichter entdeckt werden können. Interdisziplinarität kann folglich als Motor für den Erkenntnisgewinn eines oder mehrerer Fächer, oder sogar der gesamten Wissenschaft, fungieren.

Zugleich stellen die Qualitätssicherung und Qualitätsbewertung interdisziplinärer Erkenntnisse noch immer eine erhebliche Herausforderung dar, da sich von Fach zu Fach die methodischen Standards und Qualitätskriterien unterscheiden. In Anbetracht der Abhängigkeit des Wissens von seinem Erkenntnisgegenstand und seiner Erkenntnismethode, erscheint fraglich, wie das aus interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Fächern, die gemeinsam Fragestellungen mit verschiedenen Erkenntnismethoden bearbeiten, stammende Wissen bewertet werden soll. Ist überhaupt sichergestellt, dass sie von denselben Dingen reden? Ist interdisziplinärer Diskurs erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch möglich? Und wenn ja, wie können die verschiedenen Disziplinen miteinander kommunizieren? Sind die Unterschiede interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Mathematik, Natur- und Lebenswissenschaften lediglich gradueller Natur oder ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit eigentlich nur zwischen Fächern denkbar, deren Aufspaltung als historisch kontingent anzusehen ist?

Neben diese wissenschaftlichen Fragstellungen treten ganz praktische Herausforderungen der Umsetzung von Interdisziplinarität, die bislang keiner befriedigenden Lösung zugeführt wurden: Welchen Einfluss hat interdisziplinäre Forschung auf universitäre Organisationsstrukturen, die Einrichtung und Ausrichtung von Fakultäten sowie die damit verbundenen Studiengänge? Warum scheint Interdisziplinarität im amerikanischen Universitätssystem vor geringen Schwierigkeiten zu stehen als im europäischen und sollten institutionelle Begegnungsorte der Interdisziplinarität geschaffen werden?