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150 Jahre Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften – Bilanz und Perspektiven

Morgen, Freitag, 30. Mai 2008, begeht die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ihr 150-jähriges Jubiläum mit einem Festakt in der Münchner Residenz in Anwesenheit von Ministerpräsident Beckstein und Bundesministerin Schavan.

 

 

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30. Mai 2008

Morgen, Freitag, 30. Mai 2008, begeht die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ihr 150-jähriges Jubiläum mit einem Festakt in der Münchner Residenz in Anwesenheit von Ministerpräsident Beckstein und Bundesministerin Schavan.

Die Historische Kommission, 1858 auf Initiative von Leopold von Ranke vom bayerischen König Maximilian II. gegründet, ist einerseits eine Gelehrtengesellschaft, eine "Akademie für deutsche Geschichte" – so Ranke –, andererseits mit 26 wissenschaftlichen Mitarbeitern in Deutschland, Österreich und der Schweiz heute eine der größten außeruniversitären historischen Forschungseinrichtungen der Bundesrepublik. Seit 1997 leitet Lothar Gall (Universität Frankfurt/Main) als Präsident die Geschicke dieser einzigen Historischen Kommission Deutschlands mit nationalem Anspruch, deren Mitglieder aus dem gesamten deutschen Sprachraum kommen.

Quellen sind die Grundlage der Geschichtswissenschaft. Im Mittelpunkt der Kommissionsarbeit stehen daher qualitativ hochwertige Quelleneditionen. Hier gilt das Diktum vom "Vetorecht der Quellen" (Reinhart Koselleck), die zumindest bestimmte Aussagen als falsch ausschließen. Damit haben sie die unbestreitbare Funktion, vor Irrtümern und politischer Indoktrination zu schützen. Außerdem kommt der Geschichtswissenschaft als Reflektions- und Orientierungswissenschaft im Zeitalter der Globalisierung generell eine besondere Rolle zu.

Das Spektrum der rund 650 Veröffentlichungen in 150 Jahren reicht vom Spätmittelalter bis zur Zeitgeschichte. Dazu zählen zentrale Editionen wie die „Deutschen Reichstagsakten“, die „Deutschen Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts“, die „Akten der Reichskanzlei. Regierung Hitler 1933–1945“ oder das maßgebliche historisch-biographische Lexikon des deutschen Sprachraums, die „Neue Deutsche Biographie“ (NDB).

Seit einiger Zeit verfolgt die Kommission ein ambitioniertes Digitalisierungsprogramm. Ziel ist es, aus Hunderten von Quelleneditionen und ihren diversen biographischen Angeboten wie der „Neuen Deutschen Biographie“ oder dem "Repertorium Academicum Germanicum (RAG)", einer Datenbank der Gelehrten des Alten Reiches (1250–1550), ein hochwertiges wissenschaftliches, vernetztes Gesamtangebot zu schaffen, das alle ihre Arbeitsgebiete für Forschung und Lehre weltweit und benutzerfreundlich zugänglich macht. Noch ist das Zukunftsmusik. Aber die Anfänge sind gemacht: 2007 ging mit den "Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik" die zentrale Quellenedition zur Geschichte der Weimarer Republik online. Anfang 2010 macht die "NDB/ADB-online" 46.300 Personenartikel im Volltext zugänglich – die Imagedateien aller Artikel stehen bereits seit dieser Woche der Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung.

Die digitalen historisch-biographischen Angebote werden weiter ausgebaut: Seit 2007 gibt es ein digitales Verzeichnis der Deutschen und Schweizer Rektoratsreden an Universitäten des 19. und 20. Jahrhunderts sowie demnächst eine Datenbank der höheren Ministerialbeamtenschaft des Deutschen Zollvereins. Dort, so die Hypothese, formierte sich die bürokratische Elite des 1871 geschaffenen deutschen Nationalstaates. Schließlich plant die Kommission – als Synergie aus ihrer mehr als hundertjährigen Reichstagsaktenforschung – ein Verzeichnis aller Gesandten auf den Reichstagen des 14. bis 17. Jahrhunderts.

Diese Vorhaben kann die Historische Kommission nur in starken Allianzen realisieren. Langjährige Kooperationspartner sind neben der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, mit der die Kommission seit ihrer Gründung in einer „special relationship“ institutionell verbunden ist, auch Bundesarchiv, Bayerisches Hauptstaatsarchiv und Bayerische Staatsbibliothek sowie das Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Jüngst hinzugekommen sind als Partner beim Aufbau eines digitalen europäischen Biographie-Portals die Österreichische Akademie der Wissenschaften, das Historische Lexikon der Schweiz sowie für die Berner Arbeitsstelle des RAG die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Künftig wird die Kommission im Bereich der Editionswissenschaften am Wissenschaftsstandort München auch noch enger mit der Ludwig-Maximilians-Universität und anderen Partnern zusammenarbeiten.

Der Impuls der Gründerväter, vor allem Leopold von Rankes, die Geschichte durch verlässliche Quelleneditionen als Wissenschaft zu etablieren, wirkt fort. Anlässlich ihres Jubiläums hält die in München ansässige Historische Kommission die Zeit für gekommen, Rankes Verdienste um die deutsche Geschichtswissenschaft, die auch in ihrer Gründung 1858 zum Ausdruck kommen, durch eine Büste in der Walhalla zu ehren. Der Bayerischen Staatsregierung hat sie einen entsprechenden Vorschlag unterbreitet.

Zum Jubiläum sind folgende Veröffentlichungen erschienen:

  • Lothar Gall (Hg.), »... für deutsche Geschichts- und Quellenforschung«. 150 Jahre Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2008. 384 S., Ln. 49,80 Euro, ISBN 978-3-486-58286-4
  • Helmut Neuhaus, 150 Jahre Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Eine Chronik. München: Historische Kommission 2008. 200 S., Edelbroschur, Schutzgebühr 10,00 Euro, ISBN 978-3-929691-12-2
  • Akademie Aktuell. Zeitschrift der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 02/2008, 78 S., ISSN 1436-753X